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Versteinerung der Geschichte - Von Bau und Überwindung der Berliner Mauer


Gedenklesung am Samstag, 24. August 2019,
Beginn 19 Uhr bei
Judith Moser, Primobuch
Herderstraße 24 in Berlin-Steglitz

Der Autor liest Prosa und Lyrik zu einer für seine Generation
typischen Ost-Westberliner Biografie

"Gleich den Fossilien des Erdmittelalters, die sich mit Kalkhüllen stabilisierten, um Jahrmillionen zu überdauern, ummantelte sich das Land DDR mit einem Panzer aus Stahlbeton, worauf es das Schicksal aller Wirbellosen erlitt, in diesem Panzer zu sterben"
(Aus dem Romanmanuskript "Hans ins Glück")

Lesung mit musikalischen Pausen
Programmdauer 90 Minuten

Eintritt frei - Spenden erwünscht
Buchkauf möglich



Mein Lyrischer Sommer in Danzig

Ich wünsche meinen Lesern,
die sich fragen, wie sie ohne zu verreisen, über den Sommer kommen sollen,
eine gute Zeit, einen kühlen wind, zum Beispiel von der Ostsee.
Diese brabbelnde See kann uns allen, selbst zu Hause durch Schwatzen und Schlürfen,
durch Schäumen und Schleimen und Schlickverschlucken
Abwechslung, sogar Kühlung zuwellen.

So sieht sie nämlich aus:

Blaues Gebrabbel um Sand und Kies
schneeiges, zischendes, schäumendes Rauschen
rollt es und grollt es und bricht

Grünliches, öliges Licht
saugendes schlürfendes Schmatzen
leckt sich‘s mit schwellenden Lippen
Tang und Schlick von den Tatzen

Von meinen zahlreichen Reisen nach Danzig,
dort gehöre ich seit einigen Jahren zum Poetenclub,
schickten mir die Veranstalter Grüße in Form
lyrischer Wäschestücke, auf einer Leine im Stadtpark
hängen sie und flattern im Wind.
Drei Gedichte von mir sind dabei.
Unten die Fotos mit polnischen Texten,
hier die Originale auf Deutsch:



Hinter Glas

Ich sitze hinter Glas
und nenne es hoffnungsvoll 'Fenster' -
aber es trennt mich von Wind und Regen
dem Kind, das vorbeirennt
von der Sonne
lässt es nur Licht herein

Ich sehe durch ein geschliffenes Glas
das auf der Nase drückt -
es verleiht meinem Blick die nötige Schärfe
und vergrößert meine Pupillen
für alle, die mir ins Auge schauen

Ich halte in der Hand ein gefülltes Glas
und lobe laut den guten Tropfen -
der mir die Träume lebendig macht
die hinterm Fenster stumm vorbeiziehn
die mein geschärfter Blick übersieht

Ich bestaune den Corpus der gläsernen Frau
der jeder ins Herz schaut ohne Gefühl -
und ich fürchte den Tod,der aus Glas ist

Dieses hygienische Sterben
mit dem Gesicht der Krankenschwester
hinter der kalten Scheibe



Nächtliche Suche

Ich zerwühle mein Bett und suche
zwischen den Körperteilen
etwas ungeteilt Ganzes
das sich an mich erinnert

Manchmal schlafe ich traumlos
Und überhöre die Schreie
ersaufe
im eigenen Schweiß

Manchmal behutsam weich
weckt mich eine Hand
und streicht mir die Haut
wieder glatt



Edward

Der profilierte Farbenprofundus
eine Schachtel Zigaretten pro Bild
Ist nicht da, lässt mich stehen
hinter der Härte der Staffelei
vor der farbwütig, akademisch
geschult bestrittenen
Gegenstandslosigkeit
meiner dummen Fragen

endlich kommt er, bewundert
die Farbspur an meiner Hand, Beweis
für die Fingersucht, weiß, blau, orange, meine
Sehnsucht nach dem Begreifen

Ich erkunde entschlossen den Bilderrahmen, sage
sein optimistisches Hochformat
springt deiner hellgesichtigen
Philosophie hinterher

man muß trinken, sagt Edward
um malen zu können
nur wenn man gut malt
verkauft man
nur wenn man verkauft
kann man Wodka kaufen
damit man gut malen kann



    




© Bernd Kebelmann 2019

Stand: Mai 2019