Performances und Aktionskunst


Kunst als Mittel bloßer Selbsterfahrung ist kein Mißbrauch, sondern der einzige Gebrauch, den man haben kann. Es ist immer anders, als der Künstler gemeint hat.
[Prof. em. Gert Selle, Carl von Ossietzky Universität Oldenburg]

Dieser Text beschreibt meine Angebote für Performances und Aktionskunst, meinen eigenwilligen Zugang zur bildenden Kunst von heute, zur Sprachkunst, zur Jazzmusik. Bei Gefallen und Interesse sind einige Performances beim Autor selbst zu buchen, siehe die Links "Abonnieren".
Wer den persönlichen Hintergrund meiner Kunstaktionen erfahren möchte, lese am Schluß dieser Seiten den Text Performance als Lebenskunst.



Unsichtbare Kunst


Ich saß im Zimmer auf einem Stuhl, aber wo war der Stuhl? Dämmerung, Schatten statt Licht, kein unterscheidbarer Gegenstand, keine Kontraste mehr. Teppiche, Möbel, Tapeten und Bilder, alles floß grau in grau, sah farblos, konturlos aus. Wie weit entfernt waren Türen und Schränke, wo stand welches Möbelstück? Waren es weiße, farbige Wände, was trug der Teppich für Muster? - ich hatte es schon vergessen…
[aus Tastwege, Buch der Berührung, noch unveröffentlicht]

Mein Interesse an Kunst wuchs im umgekehrten Verhältnis zu meinen optischen Fähigkeiten. Dabei wurde mein Respekt vor den Tabus der Berührung mit den Jahren immer geringer. Viele Gespräche mit bildenden Künstlern halfen mir, diese Schranken zu öffnen. Das Unfaßbare der Malerei ließ sich hinterfragen, das Gemälde von der Idee her intuitiv begreifen. Meine Phantasie lud das nicht sichtbare Werk mit inneren Bildern auf. Von der Richtigkeit dieser Methode überzeugte mich der "Geflüsterte Film" (Regie Nina Rippel, Hamburg) Anfang der neunziger Jahre: der blinde Fotograf Eugen Bavcar, Paris, steht lauschend vor den Gemälden eines befreundeten Malers, der sie ihm einfach – vorsingt.

Aus den natürlichen Schwierigkeiten mit Grafiken und Gemälden, wie sie ein Blinder erfährt, entwickelte ich Ideen für Happenings und Environments im Spannungsfeld zwischen Kunst und Text, nutzte Intuition und Lebenserfahrung, interviewte die Künstler selbst.

Viele meiner Entwürfe sind bis heute Konzept geblieben. In einigen Fällen gelangen jedoch besondere Kunstaktionen, bei denen die Künstler selbst zum Teil der Performance wurden.

Was ich sehe und was ich nicht sehe, ist eine Frage des Taktes.
[Max Frisch in "Mein Name sei Gantenbein"]



Erfahrungen mit dem Bild


1993 lud Waltrop im Rahmen eines von Dortmund geleiteten Regionalprojektes "Atelier Europa" bildende Künstler aus 17 Ländern zum Symposion ein. Zu mir kam der blinde Dichter Svend Pedersen, Kopenhagen. Svend und ich zogen bald durch die Ateliers, besuchten Maler, Graffitikünstler, befragten Fotografen. Gemeinsam entstanden wilde, phantasiegeladene Texte für einen Katalog. Sie beschreiben auch unsere Performance: blinde Dichter erfragen, beschnuppern die Malerei, fachsimpeln über Graffitis und Fotografien…

Im Atelier

zwei Tanzbären im Gänsemarsch, auf der Duftspur von Firnis und Kreide,
weitergereicht von Arm zu Arm, hungrig auf faßbare Leinwand,
auf fasernde Fetzen Zeichenpapier,
tasten nach Farbknoten, Knochenleimspuren,
um innere Bilder (Erinnerungsfotos und Hoffnungs-Pictures,
Stilleben, Land- und Liebesleben) in sich leuchten zu lassen.

Kein Ariadnefaden führt durchs ölige Labyrinth von Farbtuben und Paletten.
Bretter vor ihren Köpfen, Kreuz und quer Staffeleien -
starre Verteidigungslinien vor neugierig suchenden Fingern.

Dagegen steht die ruhige Eile der Stift-, der Kreide- und Pinselhalter,
der Pinselheinrichs und Stiftmadams.

Geduldig forschende Blicke, Gesprächsbereitschaft, dann Ratlosigkeit -
wie erklärt man Blinden die Farbe…



Vom Bild zur Skulptur


Damals entstand ein Kunstkatalog mit dem Titel "Atelier Ma(h)lzeit".
Wenige Tage später bereits erklärte ich dem Publikum die Gemälde eines befreundeten Malers. Bald stellte ich jährlich zum Waltroper Parkfest Maler und Plastiker vor, und eröffnete eine Kunstausstellung mit prachtvollen Rikscha-Bildern aus Bangladesh.

Heute scheint mir der nicht-optische Zugang zu Malerei und Grafik kaum schwieriger zu sein, als das Begreifen der Bildhauerkunst durch bloßen Augenschein - dennoch ist dies für das Kunstpublikum die übliche Art der Erfahrung geblieben, die niemand in Frage stellt.

Ich kenne nur ein Projekt, das Zugänge zu einer neuen Kunst des Begreifens bietet, und deshalb Tastwege heißt. Ich realisiere es bereits seit 1992. Atelierbesuche bei bildenden Künstlern an vielen Ausstellungsorten halten das Kunstprojekt aktuell und erlauben stets eine neue, einmalige Exposition.



Kritik des Augenscheins


"Das Auge, das als ästhetisches Organ so hoch im Kurs gestanden hat, als man den Unterschied zwischen Kunst und Nicht-Kunst noch für sichtbar hielt, war philosophisch vollkommen nutzlos, als sich diese Differenzen als unsichtbar erwiesen… Etwas als Kunst zu sehen, ist durchaus keine Frage der Wahrnehmungsfähigkeit, sondern setzt eine kulturelle und historische Verwurzelung voraus… Andy Warhol lehrte mit seinen Brillow-Boxes-Cartoons und seinen Colaflaschenbildern, daß sich der Unterschied zwischen Kunstwerken und "Bloß-existierenden-Dingen" nicht durch Betrachtung ausfindig machen läßt."
[Arthur C. Dento, amerikanischer Kunstwissenschaftler, 1992]

Es gibt also keinen Maßstab mehr, den uns die Augen liefern, um Kunst als Kunst zu erkennen.
Es gibt also keinen Grund, vor Bildern zu kapitulieren, weil sie für mich als Blinden unsichtbar bleiben werden. Was ist die Konsequenz? Natürlich eine Performance.
Die Kunst besteht genau darin, als Blinder dem staunenden Publikum Gemälde zu erklären.

Im Gespräch, beim durchdenken der Bildidee im Austausch mit dem Maler, durch Erspüren des räumlichen Klimas, der Ausstellungssituation ergibt sich ein sinnliches Panorama, ein leuchtendes inneres Bild, das Assoziationen erzeugt, die Phantasie erregt, jede Leinwand zum Flüstern bringt.



Innenbilder


Die Träger der bildenden Kunst sind materieller Natur, schweigende Gegenstände, deren Ausstrahlung selten den Ohren, fast immer den Augen gefällt. Sie erzeugen im Kopf jedes Kunst empfindenden Menschen Assoziationen. Zu seinen inneren Bildern ganz bewußt vorzudringen, war 1992 das Ziel einer fotografischen Arbeit mit Dortmunder und Dessauer Studenten. Daraus entwickelte sich eine Vortragsreihe, mit oder ohne Performance, die das Thema des Sehens, der "Bilder im Kopf", auch theoretisch beleuchtet. Dieser Vortrag ist abrufbar.



Die Kunst der Kommunikation


Arthur C. Dento fordert eine neue, nicht mehr wahrnehmungsorientierte Theorie über das Wesen der Kunst. Er verweist auf die Philosophie – und damit auf die Sprache.
1993, zum "Atelier Europa", waren in Waltrop zahlreiche Künstler und viele sprachen versammelt. Ich nutzte diese Gelegenheit, Mit dem Dänen Svend Pedersen und der Spanierin Pilar Baumeister die erste dreisprachige "Dunkellesung" unseres inzwischen europaweiten Leseprojektes Lyrikbrücken in Dortmund durchzuführen. In diesem Audio-Art-Projekt geht es vor allem um Sprachkunst, den Zusammenklang mehrerer Sprachen, "reine Kommunikation"(NDR Kiel 2005).



Bitte nicht berühren!


Um "Lyrikbrücken" zu überschreiten, genügt es zu hören, die Augen zu schließen, sich zu konzentrieren. Um bildende Kunst zu genießen, bedarf es der "Kunst des Begreifens".
Leinwand und Farbe, Holz, Stein, Metalle hatten für mich jeden Schrecken verloren. Viele Kunstwerke waren beschreibbar geworden, gedanklich zu erfassen. Doch ich hatte sie nicht im Griff, also wenig davon begriffen. - Blinden bleibt nur eines: nahe heranzutreten, das Werk in die Hand zu nehmen, seine Gestalt zu erfahren, ihre Idee zu ahnen, das Material zu prüfen, die Schönheit der form zu empfinden –soweit wird er nicht kommen. Kaum daß er sich nähert, die Hände ausstreckt, heißt es landesweit in Museen und Galerien: Hände weg, nichts anfassen bitte!
Es gab, dies sei nicht geleugnet, Jahre lang Angebote, Ausstellungen, auf denen man die Bildhauerkunst berühren durfte. Sie blieben Episode, lösten nicht mein Problem. Gewöhnlich blieben auch die Skulpturen für mich unangreifbar, von mir unbegriffen.
Ich entschloß mich, die Aura der Kunst, die Unverletzlichkeit ihrer Werke ernsthaft in Frage zu stellen. Der Titel für diese Performance ergab sich wie von selbst…



Zergliederungsübungen


Kunstwerke zu zerlegen, Grafiken und Gemälde, Bücher, Texte, Objekte handgreiflich zu zerstören, kann sehr befriedigend sein. In dieser Performance aber dient alles nur einem einzigen Zweck, neue Kunstwerke zu erschaffen. Die Kunst wird zum Material, sie ist zum Verbrauch bestimmt, ein Kreisprozeß besonderer Art, der das Berührungsverbot ins Gegenteil verkehrt.
Ein Maler, ein Autor, ein Lichtdesigner. Dazu Texte und Bilder, Pinsel und Farbe, Leim und Schere, diverse Folien, auch Bildwerfer, Scheinwerfer und Computer, die elektronische Stimmen nutzen, um Sprache zu verfremden – und schon beginnt die Performance:
Bilder werden zerlegt, neu arrangiert, übermalt. Wortbrüche, Stimmen und Lichtkaskaden legen sich darüber hin. Vokalfarben leuchten auf, Computerstimmen zerhacken die Wörter, lesen Phoneme, Vokale, stottern Reihen von Konsonanten. Eine natürliche Stimme liest dagegen an…
Fetzen zerschnittener Leinwand ordnen sich an der Wand, um mit Wortschnipseln, Ölfarben, Grafik und Text, mit konservierten Tonbandstimmen zu Kunstobjekten zu werden.
In acht mal acht Minuten entstehen acht neue Kollagen.
Sensiblen Seelen sei es gesagt: kein unersetzliches Bild, kein sorgsam ediertes Buch fällt dieser Aktion zum Opfer. Es handelt sich um eine geschickt inszenierte Täuschung: die Wut der beiden Performer zerstört zwar das Material, aber kein einziges Werk.
Zergliederungsübungen an Wort und Bild



Die Kunst der Präsentation


Es wurde Zeit, dem Kunstpublikum seine eigenen Schwächen zu zeigen. Wer sich so brav durch die Super-Events von Kunstausstellungen schieben läßt, wie dies seit Jahren der Fall ist, hat sich eine Performance wie die folgende wahrlich verdient…
Diese Kunstausstellung besonderer Art spielt geschickt mit den menschlichen Schwächen, zeigt dem Publikum seine Verführbarkeit, wieder besseren Wissens. Mit lockenden Angeboten, deren Sinnlosigkeit offensichtlich ist, werden gezielt arrangierte Gruppen isoliert, zum Warten verurteilt, schließlich sanft zum Besuch des Ausstellungszeltes verführt. Dort hat es das Publikum schwer, die Kunstwerke zu genießen: das Chaos, das ihm entgegenschallt, das Flimmern, das in die Augen springt - zu guter letzt genießt es sogar noch seinen groben Hinauswurf.
Kaos kontra Klang



Kunst zwischen Text und Musik


Meine Zusammenarbeit mit Solomusikern hat 1995 in Berlin begonnen. Der Künstler, mit dem ich damals auf der Bühne stand und heute noch gerne stehe, ist mein Freund und Solocellist Sonny Thet aus Kambodscha. Bei unseren zahlreichen Duos für Solocello und Sprecher entwickelte sich aus seiner Kunst, weich und kraftvoll das Cello zu spielen und meiner Kunst zu lesen mit jedem Auftritt eine neue, spannende Performance, unser Lesetheater mit insgesamt fünf Programmen.

Auch "Kaos kontra Klang" endet mit einem sanften, versöhnlichen Konzert neben dem Ausstellungszelt. Das nächste Zelt, das ich betrat, um meinen Text, meine Stimme vor die Musik zu stellen, stand auf dem New Jazz Festival in Moers am Niederrhein. "Dunkelkonzerte" zu Pfingsten gaben mir die Gelegenheit, prominenteste Jazzmusiker aus der ganzen Welt zu treffen, kennenzulernen, ihre Konzerte im Dunkeln zu moderieren. Ich verdanke diese Gelegenheit der Aktion Mensch, der Vermittlung von Hartmut Hohmann, DPWV, Kreis Wesel, sowie Burghart Hennen, dem künstlerischen Leiter des Moerser Jazzfestivals.

Meine spätere Zusammenarbeit mit Musikern wie Frank Gratkowski, Saxophon und Dieter Manderscheid, Baß hat in Moers begonnen.

Performances und Aktionskunst leben von aktuellen, sich wandelnden Programmen. So kamen in den letzten Jahren weitere szenische Lesungen mit neuen Künstlern hinzu. Zu nennen ist meine Zusammenarbeit mit dem Jazzmusiker, Gitarristen und Violinisten Andreas Heuser aus Dortmund.

Unser erstes szenisches Leseprogramm auf verdunkelter Bühne mit den kosmischen Titel
"Wind, Sand und keine Sterne" findet man ebenfalls auf den Seiten mit der Überschrift Lesetheater.

Wem vom Tanz auf dem Seil der Aktionskunst schwindlig geworden sein sollte, wer sich fragt, woher diese Freude an Slapsticks und doppelten Volten bei einem blinden Autor kommt, überspringe die folgenden Angebote und lese meinen Schlußtext Performance als Lebenskunst.


Performances abonnieren


Wenn sie sich für eine der beschriebenen Kunstaktionen als Veranstalter interessieren, sprechen sie mich bitte an, lassen sie sich ein Angebot zur Realisierung schicken.
Ein Vorgespräch ist zu empfehlen.



Sie haben nun die Wahl zwischen folgenden Angeboten:

1. Leinwandflüstern

Eröffnung einer Gemäldeausstellung mit Vorstellung des Künstlers und seiner Intuition,
Einführung in den Ideengehalt der einzelnen Gemälde,
akustische Variationen – Texte und Musik zu ausgewählten Bildern.

Diese Performance verinnerlicht die Ausstellungssituation und ein Interview mit dem Künstler.
Sie lebt von den Erfahrungen und Assoziationen des Autors und des Musikers. Ich erhebe in keiner Weise einen kunstwissenschaftlichen Anspruch, ganz im Gegenteil: es geht um den persönlichen Zugang zur Arbeit des Malers, zu seiner Kunst, in der sich auch das Publikum wieder finden wird.

Konditionen: Das Programm kann je nach Interesse zwischen 30 und 60 Minuten dauern.
Zur Vorbereitung gehört die Kenntnis des Ausstellungsortes, ein Interview mit dem Maler.
Personal: der Autor und ein Musiker.
Kosten: Zwei Honorare, dazu Reise- und Übernachtungskosten sowie Tagesspesen.

2. Zergliederungsübungen an Wort und Bild

Diese rhythmische, schnelle Performance voll künstlerischer Spannung reißt das Publikum mit. Im Takt von jeweils acht Minuten mit kurzen Erholungspausen werden aus Gemälden oder Grafiken acht neue, nicht kopierte Kunstwerke hergestellt, jedes ein Original. Sie stehen sofort zur Verfügung, können angekauft oder versteigert werden.
Konditionen: Ein Raum von mindestens 4 mal acht Metern, leer oder wenig möbliert, darin mindestens eine leere, möglichst helle, bespielbare Wand.
Da die Künstler Ortskenntnisse brauchen, ist eine Reise zur Vorbereitung dieser Performance nötig.
Der Veranstalter kann Gemälde oder Grafiken zur Verfügung stellen, die garantiert nicht beschädigt werden! Alternativ stellt der Maler eigene Arbeiten aus. Die zur Performance benötigten Texte, Lyrik oder Prosa, such der Veranstalter aus, wahlweise auch die Künstler. Das erforderliche Equipment, Scheinwerfer, Lautsprecher, Bildwerfer und Computer werden mitgebracht.
Der Vertrag beinhaltet Ankauf oder Versteigerung der entstehenden Kunstobjekte.

Personal: Der Autor, ein Maler, ein Techniker.
Kosten: Honorare für Autor, Maler und Techniker. Relativ hohe technische Kosten, auch für das Equipment. Dazu Reise- und Übernachtungskosten sowie Tagesspesen.
Zu den Kosten gehört die Finanzierung der neuen Kunstobjekte.

3. Kaos kontra Klang

Eine Kunstausstellung im Zelt, mindestens vier mal acht Meter. Sie sollte einige Tage dauern, um zahlreiche Publikumsgruppen in die Ausstellung einzuführen. Der Einlaß ist streng reguliert, die Aufenthaltsdauer genauso.

Die ausgestellten Kunstwerke, Gemälde, Grafik, Foto, Plakat, können vom Veranstalter geliefert werden, andernfalls durch die Künstler.

Konditionen: die Kunstaktion sollte im Rahmen einer Kirmes oder ähnlicher Freilichtveranstaltungen durchgeführt werden. Ein Teil des Begleitpersonals (auch Schüler kommen in Frage) sowie das technische Equipment stellt der Veranstalter.
Personal: Der Autor, ein Künstler, ein Techniker, Funktionspersonal vor Ort.
Kosten: Honorare für Autor, Künstler, Techniker, für eigenes Personal. Dazu Reise- und Übernachtungskosten sowie Tagesspesen. Evtl. Zeltmiete, Miete für das Equipment.
Anfragen bitte direkt an mich über die Seite "Kontakt".



Performance als Lebenskunst


Es gibt kein größeres Glück, als die Behinderung vieler Menschen, die Einsamkeit medialer Entgrenztheit täglich liebevoll zu überwinden. Ist Liebe je etwas anderes als greifbare Realität gewesen? Der Duft, die Zartheit der Blätter einer Pflanze auf meinem Schreibtisch, das Fell des Katers, der meine Nähe sucht, die Haut und die Stimme des Partners an Tisch und Bett… - es sind konkrete Erfahrungen, Erlebnisse miteinander, die unser Leben bestimmen, behindert oder nicht.

Unser Alltag funktioniert allein durch Zusammenarbeit und Hilfe, vom Berufserfolg bis zur Liebe, auf Partnerschaft kommt es an. Ein Unterschied aber bleib: als Behinderter bin ich Zeit meines Lebens ohne Ausnahme darauf angewiesen, mir von anderen helfen zu lassen, und dies macht mich betroffen.
Der Betroffene trifft nie den richtigen Ton
sein Schrei weckt Empörung, sein Schweigen macht vogelfrei...

schrieb ich in einem Gedicht Mitte der achtziger Jahre.

Unsere Situation als Behinderte zwingt uns in eine extreme Rolle. Zwischen Selbstverachtung und Selbstüberforderung hängen wir an den Seilen unseres Realbewußtseins, warten dankbar und haßerfüllt darauf, wer als nächster die Fäden zieht. Da wir es nicht selber können, bleibt das Frustpotential sehr hoch. – Wie bauen wir es ab?
Durch permanente Performance, indem wir unser Alltagsleben als Lebenskunst verstehen.

In vielen Lebenssituationen werden wir als behinderte Menschen Exoten sein und bleiben. Das liegt nicht an unserer Unfähigkeit, nicht am Unwillen der Gesellschaft, uns zu akzeptieren. Es liegt ganz einfach und unabänderlich an objektiven Befunden. Eine Gesellschaft, die ihre Behinderten in die Mitte nimmt, ist ein wünschenswertes Modell. Eine Gesellschaft, die allen Behinderten in ihrer Mitte gerecht wird, bleibt ein Ideal. Um so mehr sind selbstbewußte behinderte Menschen gefragt, die mit sich selber gerecht sind und ihrer Umwelt gegenüber eigene, unnachahmliche Wertigkeiten entwickeln. Es gilt, sich ohne Skrupel gleich-berechtigt zu fühlen, mit jener Selbst-Verständlichkeit, die den Verstand gebraucht, um Hemmungen, Ängste und Unsicherheiten weitmöglichst zu überwinden. Dazu gehört auch die Kunst und der Mut, sogar ein wenig der Spaß, sich, wenn es nötig sein sollte, lächerlich zu machen. - In meinem Fall geht das so…

Ich inszeniere meinen Auftritt in der Öffentlichkeit als permanente Performance, vollführe mein Solo mit Langstock mit einem für mich selbst oft überraschenden Schluß. Wie immer ich mich benehme, ich falle auf, erzeuge Befremden, Mitleid, sogar entsetzen. Man bewundert mich, versucht mir zu helfen, oder man hält auf Distanz. Mit beidem gilt es zu leben.
Ich bin, ich spiele den Außenseiter, vollführe meinen Slapstick im Angesicht der Menge. Man erwartet, mich stürzen zu sehen, spendet mir jedoch Beifall, wenn ich fast ohne zu Stolpern auf den Boden der Tatsachen lande.
Kein Schauspieler, der sein Handwerk beherrscht, stellt seinen Wert in Frage, und sei die Person, die er verkörpert, noch so schäbig und zweifelhaft. Auch wir müssen unsere Rolle spielen, ob es uns paßt oder nicht. Welche Funktion uns zugeteilt wird, liegt zum großen Teil an uns selbst.
Jeder von uns ist fähig, ein Schauspieler zu werden. Er muß nur begreifen, daß unser Wert nicht allein die Normalität sein kann, sondern eben das Anderssein. Anderssein ist eine Kunst, die Selbstüberwindung erfordert. Wir sind darin geübt. Es ist unsere ganz persönliche, oft mit Schmerzen erworbene Fähigkeit, das Leben anzunehmen.
[sinngemäß zitiert aus meinem Aufsatz: "Performance als Lebenskunst – Körperbewußtsein in der Augenscheingesellschaft", in: Der (im-)perfekte Mensch, Metamorphosen von Normalität und Abweichung, Hrsg. v.Lutz, Petra; Macho, Thomas; Staupe, Gisela; Zirden, Heike; Böhlau-Verlag Köln 2003, 483]

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Stand: Dezember 2017 | Besucher: 4767